Samstag, 17. Dezember 2011

Robert Siodmak & Edgar G. Ulmer : Menschen am Sonntag

Wie der Presse entnommen werden konnte, ist im August 2011 - im Alter von 100 Jahren - mit Brigitte Borchert die letzte Darstellerin des filmge- schichtlich inte- ressanten Werks "Menschen am Sonntag" verstorben. Dieser deutsche Stummfilm von 1929/30 stellt ein sehr frühes Beispiel einer unabhängigen Produktion dar, deren Urheber u.a. Billy Wilder, Edgar G. Ulmer und die Brüder Siodmak - später klingende Namen in Hollywood - als Filmamateure das Leben junger Berliner an einem sommerlichen Sonntag einzufangen. Die Idee konsequent verfolgend, wurden die Rollen mit Laien besetzt, die mehr oder weniger sich selbst spielten - Brigitte Borchert arbeitete beispielsweise als Schallplattenverkäuferin, ein anderer als Taxifahrer. Die Handlung ist demnach auch nicht spektakulär, zeigt er schlussendlich, nach getaner Arbeit am Samstag, die sonntäglichen Freuden der Protagonisten in Berlin und Umgebung. Dabei ermöglicht sich ein unverfälschter Blick auf das sich verändernde Freizeitverhalten der Massengesellschaft am Ende der 1920er Jahre, als das Weekend zunehmend bewusster gelebt und als echter Ausgleich zum Arbeitsleben genutzt wurde - nicht ohne Grund breitet sich gegen Ende des Badeausflugs eine gewisse Melancholie aus. Neben dem Einblick ins damalige Sozialleben bietet "Menschen am Sonntag" dokumentarische Bilder Berlins, wie sie sonst - noch gedrängter - praktisch nur in Walter Ruttmans "Berlin - die Sinfonie der Grossstadt" zu sehen sind, einem ebenfalls experimentellen Film ohne eigentliche Handlung aus dem Jahr 1927. "Menschen am Sonntag" besticht durch seine Glaubhaftigkeit und das kleine, leichte Glück eines Sommertages. Mehr braucht es nicht, gerade deswegen wirkt der Film bis heute seltsam zeitlos und bleibt dementsprechend sehenswert. So wohltuend ist das Spiel dieser Laien, ein direkter Vergleich zu hochtrabenden Grossproduktionen der deutschen Filmindustrie jener Tage, z.B. "Metropolis" von Fritz Lang, wird dies verdeutlichen - jedenfalls sucht man den überzeichneten, verzerrten Typus der Stummfilmgesichter in "Menschen am Sonntag" vergebens. Zum Schluss sei noch erwähnt, dass als einer der wenigen Berufsschauspieler im Film Kurt Gerron kurz zu sehen ist; die zentrale Figur in Charles Lewinskys neuem 500-Seiten-Roman "Gerron".

Tipp von Claude Christinat

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