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Yoko Ogawa : Der Herr der kleinen Vögel

Yoko Ogawa ist in Japan eine bekannte Schriftstellerin, die bereits viele Preise erhalten hat. Seit 2001 werden ihre Geschichten beim Verlag Liebeskind und beim Aufbau-Verlag in Taschenbuchausgabe ins Deutsche übersetzt. Ich freue mich über jeden einzelnen Band. Es sind immer stille Bücher, nicht so schräg fantastisch und realitätsfern wie diejenige vom bekannten Japaner Haruki Murakami. Und doch haben Ogawas Geschichten und Romanfiguren etwas Märchenhaftes. Oder eher Ungewohntes? Auf alle Fälle etwas Herausragendes. In den Büchern, die ich bereits gelesen habe, geht es um Figuren, die irgendwie am Rande der Gesellschaft stehen und in einer eigenen Welt leben. Und doch mit der Realität verbunden sind. Es sind keine abstrusen Erfindungen, sondern durchaus Möglichkeiten, die ich mir vorstellen kann. Obwohl die Romane von Yoko Ogawa vom Stil her meist sehr ähnlich sind, ist jedes Buch eine Entdeckung für sich.

Im Roman „Der Herr der kleinen Vögel“ geht es um zwei Brüder, wovon der ältere seit klein auf in einer eigenen Sprache kommuniziert. Niemand versteht ihn, ausser seinem jüngeren Bruder. Der jüngere Bruder kümmert sich das ganze Leben lang um seinen älteren Bruder. Dabei geht es nicht darum, dass er sich kümmert und diese Aufgabe übernimmt. Beide Brüder übernehmen ihre Rollen, geben, was sie geben können und haben doch ihr eigenes Leben. Es wird beschrieben, was die beiden für ein Leben führen. Zurückgezogen, aber nicht einsam, ruhig, aber nicht langweilig, genügsam, aber nicht unzufrieden. Im Leben der beiden Brüder spielt die grosse Vogelvoliere im benachbarten Kindergarten eine wichtige Rolle. Der jüngere Bruder entdeckt, dass sein älterer Bruder mit den Vögeln sprechen kann. Der ältere Bruder beginnt, sich um die Vögel in der Voliere zu kümmern. Nach dem Tod des älteren Bruders übernimmt der jüngere Bruder diese Aufgabe. Und erhält so den Namen: „Der Herr der kleinen Vögel“. Yoko Ogawa erzählt so Schritt für Schritt das Leben des „Herrn der kleine Vögel“.

Hinter allem steht für mich die Frage: waren die beiden glücklich? Ja, absolut. Obwohl es Yoko Ogawa nicht direkt schreibt, fühlt es sich für mich so an. Und indirekt vermittelt für mich Yoko Ogawa so eine Gesellschaftskritik: Müssen wir immer nach mehr streben? Kann des einen Glück nicht ganz anders aussehen wie das eines anderen? Was braucht es um glücklich zu sein? Dieses Buch beschreibt eine von vielen Antworten. Auf sehr schöne Art und Weise.

Tipp von Helen Schärer

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