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Damián Szifron : Wild Tales – Jeder dreht mal durch


Eins sei gleich vorneweg gesagt: Wem schwarzer Humor nicht behagt, sollte wohl besser davon absehen, sich Relatos salvajes, so der Originaltitel des hier etwas näher betrachteten argentinischen Films, anzusehen. Wer hingegen eine selten derart gelungene Vermengung von Drama und Komödie nicht scheut, wird auf seine Kosten kommen.

 

Wild geht es denn auch wirklich zu und her; in sechs bekömmlich portionierten, in sich abgeschlossenen Episoden dreht sich alles um eskalierende Zwistigkeiten, Zorn und Vergeltung – sprich es „menschelt“ gewaltig.

Die Episoden in Überblick:

Pasternak: Verschiedenste, untereinander nicht bekannte Fluggäste geraten ins Plaudern; nach und nach erkennen Sie eine sonderbare Verbindung, die sie teilen und damit letztlich auch den erschreckenden Grund, weshalb sie alle im selben Flugzeug sitzen … doch da ist es bereits zu spät.

Die Ratten: In einem heruntergekommenen Restaurant tritt der bisher einzige Gast des Abends ein, um sogleich in überheblicher, überaus despektierlicher Manier der jungen Kellnerin zu begegnen, die seine Bestellung aufnimmt – was der ungehobelte Gast nicht weiss: Die Frau erkennt ihn ihm den Mann wieder, der einst für den Ruin ihrer Familie und den Suizid des Vaters verantwortlich war … und die Köchin des Restaurants vermisst den geregelten Alltag, der ihr als Strafgefangene angedieh.

Der Stärkste: Auf einer an sich verkehrsarmen Landstrasse geraten sich zwei Automobilisten infolge eines verhinderten Überholmanövers unnötigerweise in die Haare. Die Kontrahenten schenken sich nichts; ihre gegenseitigen Provokationen arten in nackte Gewalt aus – so liegen beide Autos bald verkeilt in der steilen Uferböschung eines Flusses … doch der Kampf ist noch nicht entschieden.

Bömbchen: Ein verblichenes Parkverbot steht am Anfang einer Unglücksspirale, in deren Verlauf ein rechtschaffener Familienvater so ziemlich alles verliert: Frau, Kinder, Job – die Wut kocht hoch über einen korrupten Staatsapparat, verlogene Arbeitgeber und die herben Praktiken des lokalen Abschleppwesens … der berufliche Werdegang als Sprengmeister gibt dem Unglücklichen interessante Instrumente der Rache an die Hand.

Der Vorschlag: Die nächtliche Autofahrt des alkoholisierten Sohnes bringt eine wohlsituierte Familie arg in die Bredouille – der Filius fuhr eine schwangere Frau zu Tode. Bevor Polizei und Presse den Schuldigen ermitteln, muss dringend eine Lösung des Problems gefunden werden; ein Bauernopfer wird auserkoren … doch die Vertuschung der Wahrheit hat ihren Preis und ist komplizierter als gedacht.

Bis dass der Tod uns scheidet: Auf der rauschenden Hochzeitsfeier eines jungen Paares trübt die zufällig entdeckte Anwesenheit der Geliebten ihres frisch angetrauten Gatten die Stimmung der Braut; tränenüberströmt flieht diese aufs Hoteldach, um bald mit wilder Entschlossenheit aufs Parkett zurückzukehren … ein sprichwörtlicher Tanz auf dem Vulkan beginnt – und das Ende der letzten Episode birgt wider erwarten doch noch eine Art happy end.

Damián Szifrons, u.a. von Pedro Almodóvar produzierter, bitterböser und sicherlich nicht unbedingt den Nerv des momentanen cineastischen „Mainstream“ treffender Film zeigt Situationen, in die letztlich alle hineinschlittern  könn(t)en; auch wenn Vieles notgedrungen etwas aufgebauscht erscheinen mag, bleiben die zugrundeliegenden Konflikte glaubhaft und aus den Absurditäten des Alltags gegriffen, zumal von den Beteiligten derart überzeugend, mit Verve gespielt  … ein nicht ganz feines Gedankenspiel bietet sich zum letzten Punkt an: Man stelle sich vor dem geistigen Auge – als grösstmöglich denkbaren Kontrapunkt – ein Remake des Schweizer Fernsehens mit den üblichen Verdächtigen (deren Namen hier nicht erwähnt werden müssen) als Besetzung vor, womöglich als 20-Uhr-Sonntag-Abend-Schweizer Film ... eine unfreiwillige, affektierte Komödie „à la mode suisse“ käme dabei heraus – lassen wir also Filme vom Format der Wild Tales auch weiterhin besser von Leute drehen, die wirklich etwas davon verstehen.

Ein Tipp von Claude Christinat
 

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